Olympische Spiele 2020/21

 

Juli 2021

Komme was will – die olympischen Spiele finden statt

Am 23.07.2021 beginnen die Olympischen Spiele in Tokyo, die eigentlich schon im vergangenen Jahr hätten stattfinden sollen, aber aufgrund der Coronapandemie um ein Jahr verschoben worden sind. Allerdings hält die Coronapandemie weiter an. Aktuell steigen, insbesondere durch die Deltavariante die Infektionszahlen überall wieder an, so auch in Japan. Aber trotzdem hält die Regierung an die Durchführung der olympischen Spiele „Tokyo 2020/21“ weiterhin fest, die auch gerne, in Anlehnung an die große Dreifachkatastrophe von vor 10 Jahren, als „Wiederaufbauspiele“ propagiert werden. Damit will die Regierung der Welt zeigen, dass Fukushima wieder „sicher“ ist. Allerdings finden die olympischen Spiele aufgrund der Coronapandemie ohne Zuschauer statt.

Olympia Tokyo 2020 war aber schon vor der Coronapandemie heftig umstritten. Denn ein Teil der Spiele soll nämlich nicht nur in Tokyo, sondern auch in der Präfektur Fukushima, auch in Fukushima Stadt ausgetragen werden. Die Stadt Fukushima liegt nur 60km vom havarieren AKW Fukushima Daiichi entfernt. Denn auch nach der Flächendekontamination gibt es in Fukushima Stadt weiterhin radioaktive Hotspots auch im Bereich der Sportstätten. Die Sportanlage J-Village, die im Rahmen der olympischen Spiele ebenfalls genutzt werden soll, liegt keine 20km südlich vom AKW Fukushima Daiichi entfernt. Bis 2018 wurde dort sogar noch Atommüll aus dem havarierten AKW Fukushima Daiichi gelagert.

Der Startpunkt der Fackelläufe, die trotz steigender Coronazahlen im März 2020 begannen, war das J-Village, und führte durch radioaktiv belastete Gebiete, auch durch die ehemalige 20km-Sperrzone! Hier wollte man den Eindruck erwecken, dass das AKW „unter Kontrolle“ und die ehemaligen Evakuierungsgebiete „erfolgreich“ dekontaminiert sein. Auch die ganzen Neubauten, der extra für die olympischen Spiele neu errichtete Bahnhof J-Village und die neue Tsunamimauer, eine hässliche Betonwand, wollte man der Welt präsentieren. Aber dass aus gutem Grunde kaum jemand, der 2011 aus seiner verstrahlten Heimat flüchten musste wieder zurück will, davon wird in den offiziellen Medien nicht gesprochen. Die weiter anhaltenden Folgen der Nuklearkatastrophe, wie z.B. der rapide Anstieg von Schilddrüsenkrebs bei Kindern, oder die hohe Suizidrate, weil die Leute vor dem Nichts standen und nicht mehr weiterwussten, werden ebenfalls lieber verschwiegen. Über die olympischen Spiele sollte dem internationalen Publikum eine wiederhergestellte heile Welt präsentiert und der Eindruck erweckt werden, dass auch nukleare Unfälle „gut händelbar“ und das AKW Fukushima Daiichi im „sicheren Rückbau“ sei. Stattdessen hatte die Regierung dem betreibenden Stromkonzern Tepco bereits vor dem ursprünglichen Termin im Sommer 2020 verboten, während der olympischen Spiele „gefährliche Arbeiten“ am AKW Fukushima Daiichi durchzuführen. Nicht ohne Grund! Denn das AKW ist alles andere als „stabil“. Ständig kommt es dort zu neuen „Überraschungen“, und das Problem mit dem hochradioaktiven Wasser (vorwiegend Tritium!) ist auch nicht wirklich gelöst. Es soll ab dem Herbst 2022 sogar ins Meer entsorgt werden. „Da fragt aber während der Olympiade keiner nach“, so das Kalkül der Regierung und des IOC, die trotz „widriger Umstände“ (Coronapandemie) die Spiele durchziehen wollen, egal wie. So soll der Zuschauer zumindest am Fernseher einen „guten Eindruck“ erhalten.

Japanische Kritiker bemängeln nicht nur die radiologische Situation, sondern auch die immensen Kosten für die olympischen Spiele, die vor der Verschiebung schon bei etwa 11,3 Milliarden Euro lagen. Unabhängigen Experten zufolge, haben sich die Kosten mittlerweile mehr als verdoppelt. Großzügige Investitionen rund um die sogenannten „Wiederaufbauspiele“ Olympia 2020/21 und aufwändige Bauprojekte, die mit Steuergeldern getätigt worden sind, hätte man auch den Tsunami- und Atomkatastrophenopfern zu Gute kommen lassen können. Stattdessen bekommen Leute, die aus ihrer verstrahlten Heimat geflüchtet sind, am Zufluchtsort das Wohngeld gestrichen, weil sie nämlich wieder zurückkehren sollen. Allerdings hält die Flächendekontamination nicht lange an, da mit Wind und Regen immer wieder neue radioaktive Partikel herangetragen werden.

Als die Spiele im vergangenen Jahr aufgrund der Coronapandemie nicht stattfinden konnten, kam eine Absage aus Sorge vor immensen Gewinnverlusten bei ohnehin schon hohen Kosten nicht infrage. Stattdessen wurden die Spiele um ein Jahr, also auf den jetzigen Termin verschoben. Damals rechnete noch niemand mit dem Fortbestand der Coronapandemie, und Regierung und IOC erhofften sich den großen Reibach, eben nur um ein Jahr verspätet. Aber jetzt ganz ohne Zuschauer. . .

Der erhoffte wirtschaftliche Aufschwung für die durch die Coronapandemie gebeutelten Hotel- und Gastronomiebetriebe und Touristikbrache bleibt durch den Ausschluss sämtlicher, vor allen internationalen Zuschauern ebenfalls aus. Die größten Leidtragenden sind die Kleinunternehmen, aber nicht die Regierung, die weiterhin kein internationales Publikum nach Japan hinein lässt, unabhängig, ob es bezüglich der Infektionszahlen Wirkung zeigt, oder nicht. Denn die Infektionszahlen sind, vor allem in Ballungsgebieten wie Tokyo auch ohne die Touristen wieder drastisch angestiegen.

Trotz der vermeidlich strengen Coronaschutzmaßnahmen der Regierung, bzw. des Gesundheitsministeriums, sind schon einige angereiste internationale Sportler „durchs Raster“ gefallen, in dem sie trotz negativer Tests und zweiwöchiger Quarantäne, die auch für vollständig Geimpfte gilt, positiv getestet worden sind. Auch unter den Organisatoren hat sich ein positiver Fall herausgestellt. In den Medien wurde darauf jedoch nicht näher eingegangen. Das heißt, fünf Tage vor Beginn der Spiele lag die Gesamtzahl der positiv getesteten Teilnehmer schon bei 55.

Das Ganze stellt doch das Corona Sicherheitskonzept der Regierung, die schon ganz andere Sachen für „sicher“ und „under control“ gehalten hat, eher infrage. Wir erinnern uns an 2013, als Japan den Zuschlag für Olympia 2020 erhielt und der damalige Ministerpräsident Shinzo Abe (LDP) in Buenos Aires bezugnehmend auf das havarierte AKW Fukushima Daiichi sagte, „erverthing is under control, eine glatte Lüge, wie wir alle wissen. Genauso „under control“ ist jetzt das Coronaschutzkonzept. Und nicht umsonst hätten aktuellsten Umfragen zufolge, ein Großteil der japanischen Bevölkerung die olympischen Spiele lieber abgesagt.

Als „I-Tüpfelchen“ zu diesen olympischen Spielen stellte sich nun heraus, dass sogar der Stromkonzern Tepco, der das havarierte AKW Fukushima Daiichi zu verantworten hat, als Sponsor tätig ist, und sogar da dafür geworben wird, dass Tepco in den Sportstadien die Stromversorgung sicherstellt. . . „Soll man sich dafür jetzt auch noch bedanken?“ Also ein Sponsor, der sogar vom Staat am Leben gehalten werden muss, wird in Fukushima, wo ebenfalls ein Teil der Spiele ausgetragen wird, jedoch nicht ganz so gut ankommen. . . 

 

Videotipp zu Olympia versus der Probleme in Fukushima und die Zusammenhänge:

Stille über Fukushima – wie Künstler gegen - das Vergessen kämpfen (50min.) 3Sat Mediathek (Verfügbar bis 19.08.2021).

Anmerkung: sollte das Video nicht abgespielt werden, dann einfach nur einen anderen Browser anwählen, das hilft schon.

Weiterführende Links und Berichte:

Fukushima, durch Corona in den Hintergrund verdrängt (Deutschlandfunk)

Von verlorenen Leben und enttäuschter Olympia-Hoffnung (Sportschau, Japan-Reiseblog von Julia Linn)

Olympische Spiele in Tokio, umstrittener Partnerschaftsdeal mit Energieversorger Tepco (Deutschlandfunk)

Corona-Lage in Tokio verschärft sich (Tagesschau)

Offizielle Daten zur Olympia (Sportschau.de)

 

 

 

Olympia 2020 in Japan

 

Januar 2019

Olympia 2020 – der strahlende Sieger?

Obwohl die Reaktorkatastrophe am AKW Fukushima Daiichi von 2011 eigentlich ein absolutes Ausschlusskriterium hätte sein müsste, hat Tokyo, nur zweieinhalb Jahre später, also im September 2013 den Zuschlag für die Olympia 2020 erhalten.

Trotz der Bedenken wegen der radioaktiven Verseuchung, konnte Japan das Internationale Olympische Komitee (IOC) überzeugen. Denn Japan ist nicht nur ein modernes Industrieland, das über eine sehr gute Infrastruktur verfügt und sehr „sauber“ ist (Bahnhöfe, öffentliche Toiletten etc.), sondern auch, dank einer sehr gut aufgestellten inneren Sicherheit, eine sehr niedrige Kriminalitätsrate aufweist.

Außerdem verfügt die Regierung über ein Finanzpolster, dass extra für die Olympischen Spiele, um die Chancen auf den Zuschlag zu erhöhen, vorsorglich angelegt worden ist.  

Bezüglich des AKWs Fukushima Daiichi verkündete Ministerpräsident Shinzo Abe (LDP) in aller Öffentlichkeit stolz die Lüge: „everything is under control“ (alles unter Kontrolle). Damit wollte er sämtliche Bedenken bezüglich der Gefahren durch die radioaktive Verseuchung aus dem Weg räumen. „Es hätte zu keiner Zeit eine Gefahr für Tokyo bestanden. Die radioaktive Belastung des Trinkwassers in Tokyo sei ebenfalls unterhalb der zulässigen Höchstgrenze. Alle eingeleiteten Maßnahmen zur Schadensbegrenzung greifen bereits“, so Abe weiter (Buenos Aires, 09/2013).

Er ordnete sogar an, dass, um den Ablauf der Olympischen Spiele nicht zu beeinträchtigen, während der Olympiade 2020 keine gefährlichen Arbeiten am havarierten AKW Fukushima Daiichi durchgeführt werden dürfen!

Und dann heißt es: „für Anwohner, Gäste und Sportler würde keine Gefahr bestehen.“

Es soll keine Gefahr bestehen? Unabhängige Experten sehen das aber ganz anders, zumal Teile der Olympischen Spiele auch in der Präfektur Fukushima ausgetragen werden sollen.

Alleine in Tokyo haben Umweltschützer 2013 an verschiedenen Sportanlagen, die für die Olympia 2020 genutzt werden sollen, die Radioaktivität gemessen. Dabei wurden alarmierend hohe Werte bis zu 0,48 µS/h dokumentiert (etwa 6 Mal höher als „normal“), die auch direkt an das IOC weitergeleitet worden sind. Dort stieß man jedoch nur auf taube Ohren. Auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hatte bezüglich der hohen Strahlenwerte keine Bedenken. 

In Tokyo, das nur 230 km südlich der Reaktorruine liegt, gibt es ebenfalls einige radioaktive Hotspots (Stellen, die im Vergleich zur restlichen Umgebung eine sprunghaft deutlich erhöhte Radioaktivität aufweisen). Das sind Gebiete, wo sich vermehrt radioaktive Partikel durch Wind und Regen angesammelt haben. Davon betroffen ist u.a. die Bucht von Tokyo, in der einige große Flüsse münden. Der Meeresboden dort, vor allem an den Mündungsstellen ist stark mit Cäsium belastet.

In der Präfektur Fukushima selber, ist die radioaktive Kontamination, trotz der Dekontaminationsversuche in den Ortschaften nahe der Reaktorruine, natürlich noch wesentlich ausgeprägter. Auch in Fukushima-City und Kōriyama, wo Teile der Olympischen Spiele ausgetragen werden sollen, liegt die Strahlenbelastung vielerorts noch weit über der „Normgrenze“. Und es werden immer wieder neue radioaktive Partikel aus dem havarierten AKW Fukushima Daiichi herangetragen. Die Nahrungsmittel sind, entgegen den offiziellen Behauptungen auch nicht immer frei von radioaktiver Belastung.

Nun sollen hier viele Sportler „draußen“ trainieren, Wettkämpfe abhalten und einen Marathon laufen. . . Das sind meist alles junge Leute, die ggf. noch eine Kinderplanung beabsichtigen, und nun einer radioaktiven Gefahr ausgesetzt werden, obwohl es auch anders gehen könnte. Denn die Olympischen Spiele, nach dem Japan nunmal den Zuschlag bekommen hat, hätten ja auch weiter südlich, z.B. im Großraum Osaka stattfinden können.  

Aber die Regierung (LDP/Komeito) hat sich für Tokyo, bzw. Fukushima entschieden. Damit will die Regierung gegenüber der internationalen Gemeinschaft nur den Eindruck erwecken, das Fukushima wieder „sicher“ und die Reaktorkatastrophe bereits „behoben“ sei, was aber absolut nicht der Fall ist.

So werden wissentlich nicht nur die Sportler, sondern auch die Besucher und die Helfer, die für den Ablauf der Wettkämpfe angeheuert worden sind, einer unnötigen Gefahr ausgesetzt. Von den Anwohnern, die mit ihrem Schicksal alleine gelassen werden, ganz zu schweigen. . .

Entwurzelte Familien, verlassene Evakuierungszonen, zahllose schwarze Säcke mit radioaktiv verseuchter Erde, Laub und Dreck, verseuchte Wälder, Flüsse und Seen ist das wirklich wahre Bild, das die Präfektur Fukushima nun prägt. Es herrscht weiterhin keine Normalität in Japan!

Die Regierung, die aber „Normalität“ walten lassen will, will bis spätestens 2020, wenn die Olympischen Spiele stattfinden, alles, was an die Reaktorkatastrophe von 2011 erinnern könnte, verschwinden lassen.

So will die Regierung bis März 2020 das Wohngeld für Strahlenflüchtlinge komplett streichen, noch vorhandene Übergangshäuser zurückbauen und die restlichen evakuierten Ortschaften „dekontaminieren“ und zur Wiederbesiedelung freigeben. Eine Strahlenbelastungsobergrenze bis zu 20 mSv/a in den „revitalisierten" Evakuierungsgebieten, hält die Regierung auch für kleine Kinder weiterhin für zumutbar. 

Im Zuge der Olympia-Vorbereitung wurde die nahe am havarierten AKW Fukushima Daiichi gelegene Sportanlage J-Village, wo einst die japanische Nationalmannschaft trainierte, „dekontaminiert“ und wiedereröffnet. Bis vor Kurzem wurde die Anlage als Koordinationszentrale für die AKW-Arbeiter und Zwischenlager für radioaktive Abfälle wie Schutzanzüge etc. genutzt. Nun sollen im J-Village die Sportler, auch die der Olympia 2020 wieder trainieren; so wie es der Vizepräsident der nationalen Fußballmannschaft K. Tajima, im September 2013 „als einen wichtigen Beitrag für den Wiederaufbau nach der Dreifachkatastrophe 2011“, bereits verkündet hat.    

Weitere Infos zur Problematik der Olympia 2020

Strahlenmessung am Azuma-Stadion der Stadt Fukushima

Von der Gruppe Fukushima 311 Voices (Japanisch und Englisch)

Zur radioaktiven Problematik der Olympia 2020 in Tokyo weiterführende Informationen der IPPNW

Zeitungsartikel: Olympia 2020 in Tokio - Die Rückkehr der Spiele (09/2013)

 

Konferenz Dortmund 2019

Deutsch-japanischen Konferenz am 14. und 15. September 2019 in Dortmund:

Für olympische Spiele in Tokyo, die die Gefahren von Fukushima nicht verschweigen

In dieser Konferenz mit vielen sehr interessanten Vorträgen, darunter auch ein kleiner Vortrag von Petra Alt, ( auf japanisch) wurde die Situation in Fukushima in Bezug auf die bevorstehenden olympischen Spiele im Sommer 2020 erörtert und auf die nicht zu unterschätzenden Gefahren der erhöhten Radioaktivität eingegangen. Denn in der Präfektur Fukushima soll ein Teilabschnitt des Fackellaufes erfolgen, sogar nahe am havarierten AKW Fukushima Daiichi vorbei, sowie Teile der olympischen Spiele ausgetragen werden. 

Weitere Vorträge (Auszug)

 Yoko Schlütermann, Präsidentin der Deutsch-Japanischen Gesellschaft Dortmund, rief nach der Dreifachkatastrophe das Projekt „Hilfe für Japan 2011“ ins Leben, das sich insbesondere um die Kinder aus Fukushima kümmert. Ihr Vortrag: „Die Situation der Kinder und ihrer Familien“.

Dr. phil. Andreas Singler, Japanologe und Sportwissenschaftler und freier Journalist. Sein Vortrag:  „Tokyo 2020: Olympia und die Argumente der Gegner“.